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Der höchste Berg Portugals liegt bei mir um die Ecke. 1.993m, zwei Tage hin und zurück. Ich wollte da schon immer mal mit dem Fahrrad hoch fahren, fühlte mich jedoch nie fit genug für diese Tour. Im Juli war es dann soweit. Ich bin ich mit dem leichten Gravelbike hochgefahren und habe mich dabei ordentlich gequält. Weils so schön, war, dann gleich einen Monat später noch einmal gefahren, mit dem 9 Kilo schwereren Stahlrad. Warum das alles, kommt jetzt:

Panorama der Hochebene der Serra da Estrela mit der Passstraße, die sich zum Torre hinaufzieht

Der Berg vor der Haustür

Von unserer Quinta sind es ein paar Kilometer, bis man die Serra da Estrela vor sich hat. Ein langer, flacher Rücken am Horizont, der nach nichts aussieht. Dass da oben mit dem Torre der höchste Punkt des portugiesischen Festlands liegt, glaubt man dem Berg von unten nicht. Kommt man näher, ändert sich das Bild und die Schönheit dieser Gegend wird sichtbar.

Die Strecke ist schnell erzählt. Vom Tal auf 450m durch die Cova da Beira nach Unhais da Serra, und ab dort geht es nur noch hoch. Etwa 70 Kilometer und gut 2.200 Höhenmeter bis zum Gipfel. Oben auf der Hochebene übernachten, am nächsten Tag zurück. In Summe rund 120 Kilometer.

Ich bin die Strecke zweimal gefahren. Am 5. und 6. Juli mit dem Gravelbike, am 6. und 7. August mit dem Reiserad. Nicht aus Nostalgie, sondern weil ich eine Frage beantworten wollte, die mich seit dem Kauf des Gravelbikes beschäftigt.

Die zwei Räder

Das schnelle Rad ist ein Giant Revolt Advanced 2, Carbon, knapp 9,5 Kilo. Ich nenne es Gravelix, und ich habe es erst seit ein paar Wochen.

Gekauft habe ich es wegen einer simplen Frage: Liegt es am Fahrrad oder am Fahrer, ob man große Distanzen schafft? Ich wollte wissen, wie viel ein leichtes, schnelles Rad wirklich ausmacht. Ein sauberer Test, dachte ich.

Die Antwort kam schneller als erwartet und ging in eine andere Richtung. Nach den ersten Bergtouren war klar: Diese Schaltung ist nicht für portugiesische Berge gemacht. Vorne 48/30, hinten 11 bis 36, kleinster Gang 1,83m Entfaltung. Das ist eine Straßenübersetzung.

Ich habe deshalb das kleine Kettenblatt von 32 auf 30 getauscht. Das bringt etwas. Es reicht nur nicht. Und viel mehr geht bei einer 2-fach-GRX auch nicht, die 11-36 ist die größte Kassette, größere 2-fach-Kassetten gibt es nicht. Bleibt der Umbau auf eine Rohloff, und der ist nicht billig.

Also habe ich es umgekehrt gemacht: Statt das teure Carbonrad umzubauen, habe ich angefangen, mein altes Genesis Longitude in den Frankenstein zu verwandeln.

Stahlrahmen, ursprünglich ein 27,5er Hardtail. Inzwischen ist da wenig original: Flatbar mit Aerobar, Gepäckträger vorn und hinten, Rohloff Speedhub mit zwei Kettenblättern davor. So baut das kein Hersteller, daher der Name.

Der letzte Umbau waren die Laufräder. Vorher liefen da 70mm-Ballonreifen drauf, das rollt zäh. Runter auf 55mm, und weil es den Schwalbe G-One R Pro in 55mm nur für 622er Felgen gibt, gleich der komplette Umbau auf 700C. Rollwiderstand kommt vom Casing, nicht vom Raddurchmesser, und der alte Reifen war da das eigentliche Problem.

Interessant ist der kleinste Gang. Rohloff Gang 1 mit dem 24er Blatt und 15 Zähnen hinten ergibt eine Entfaltung von rund 1,00m. Das ist fast die Hälfte vom Gravelbike. Die gesamte Bandbreite liegt bei etwa 833 Prozent, das Gravelbike kommt auf 524.

Gravelix Frankenstein
Basis Giant Revolt Advanced 2 Genesis Longitude 2024
Rahmen Carbon Stahl
Gewicht Rad ca. 9,5kg ca. 14kg
Reisefertig mit 3 Litern Wasser 21kg 30kg
Schaltung Shimano GRX 820, 2x12, 48/30 vorn, 11 bis 36 hinten Rohloff Speedhub 14-Gang, 24/38 vorn, 15 Zähne hinten
Bandbreite 524% 833%
Kleinster Gang, Entfaltung 1,83m ca. 1,00m
Reifen 700C, 50mm 700C, Schwalbe G-One R Pro 55mm, tubeless
Lenker Dropbar Flatbar 680mm plus Aerobar
Gepäck Bikepacking-Taschen am Rahmen Ortlieb hinten 2x21 Liter plus Lenker- und Rahmentasche, Lowrider vorn für 2x15 Liter
Sattel Kunststoffsattel Brooks B17 Imperial

Die 9 Kilo Unterschied stehen also nicht nur am Rad, sondern zum großen Teil in den Taschen. Der Frankenstein fährt mit Zelt und komplettem Reisegepäck, das Gravelbike deutlich leichter bepackt.

Wer meinen Reisebericht von 2024 gelesen hat, kennt das Ende: Die Kettenschaltung am Genesis hat gezickt, die Kette ist mir oben auf der Estrela über das größte Ritzel in die Speichen gefallen, und ich habe damals geschrieben, dass ich mit zwei Kettenblättern vor einer Rohloff auf 28 Gänge käme und das genau mein Ding wäre. Zwei Jahre später fahre ich genau das.

Die Frage war also: Wie viel kostet mich das Mehrgewicht wirklich, und wie viel bringt die kurze Übersetzung? Der Torre ist dafür der ehrlichste Prüfstand, den ich vor der Tür habe.

Juli | Mit dem Gravelix auf den Torre

Es ist Sommer und es ist brechend heiß. Genau der richtige Zeitpunkt für den Torre, da oben ist es sicher kühler.

Tag 1: Durch die Cova da Beira

Ich komme viel zu spät los. Kurz nach elf rolle ich vom Hof, und das ist im Juli in Portugal eine schlechte Idee. Im Tal hat es an diesem Tag 38°C.

Graues Gravelbike mit Bikepacking-Taschen an einer Leitplanke, dahinter der Blick über die Ebene der Cova da Beira
Erster Halt, gut 700 Höhenmeter über der Ebene

Die ersten Kilometer gehen erst mal hoch, wie fast alles hier. Nach knapp einer Stunde stehe ich an der Leitplanke über dem Tal und mache das erste Foto in Richtung Süden. Von hier sieht man die halbe Beira Baixa.

Der langgezogene Bergrücken der Serra da Estrela über der bebauten Ebene im Dunst
Da muss ich rauf

Dreht man sich um, sieht man das Ziel. Der Rücken im Hintergrund ist die Estrela. Sieht aus wie ein Hügel, ist aber zwei Kilometer höher als der Punkt, an dem ich gerade stehe.

Danach geht es lange runter nach Fundão. Die Abfahrt ist die vorletzte einfache Sache des Tages.

Gravelbike am Rand eines gepflasterten Platzes mit steinerner Säule, Bänken und Platanen in Fundão
Schattenpause in Fundão

13 Uhr, in Fundão gehe ich in die Pizzeria und hole mir eine große Pizza. Die Hälfte esse ich gleich, den Rest packe ich ein. Das stellt sich später als die beste Entscheidung des Tages heraus.

Die Plätze in den portugiesischen Kleinstädten sind für eine Pause ideal, es gibt fast immer Bäume, Bänke und Wasser.

Vier braune Pferde auf einer trockenen Weide hinter einem Drahtzaun, dahinter Häuser und Berge
Die Nachbarn bei Alcaria

Nördlich von Fundão wird es flach. Die Cova da Beira ist ein breites Becken zwischen zwei Gebirgen, hier stehen Obstplantagen und Weiden. Bei Alcaria kommen mir vier Pferde entgegen, die offensichtlich wenig Lust auf die Hitze haben und sich vermutlich wundern, was der Verrückte mit dem Fahrrad hier sucht.

Gravelbike mit Lenkertasche an einem Picknicktisch unter Bäumen, daneben ein gemauerter Brunnen mit Waschbecken
Rastplatz mit Wasser in Dominguizo

In Dominguizo gibt es einen Rastplatz mit Brunnen. Ich bleibe eine gute halbe Stunde sitzen. Bei der Temperatur ist Abkühlung lebensnotwendig.

Leere Landstraße mit Mittelstreifen, die auf das Massiv der Serra da Estrela zuläuft
Ab hier zeigt die Straße nur noch in eine Richtung

Danach ist Schluss mit flach. Die Straße zeigt nur noch in eine Richtung.

Unhais da Serra, zweimal ins eiskalte Wasser

Flussbad mit gestautem Wasser, gepflasterter Uferpromenade und Badenden, dahinter Wohnhäuser und Berge
Das Flussbad von Unhais da Serra

Unhais da Serra liegt auf 630m und ist der letzte Ort vor dem Berg. Es gibt ein Thermalbad, ein Flussbad und ein paar Restaurants.

Ich komme hier komplett erschöpft an. 38°C im Tal, und das steckt einem nach über 30 Kilometern in den Knochen. Also lege ich eine lange Pause ein und gehe gleich zweimal in den eiskalten Bergbach. Das ist an dem Tag die Rettung, ohne die zwei Badeeinlagen wäre ich den Berg nicht mehr hochgekommen.

Ab dem Ortsausgang beginnt der eigentliche Anstieg. Von 630m bis zum Gipfel sind es noch 1.360 Höhenmeter am Stück. Das ist der Teil, für den ich die ganze Anfahrt gemacht habe.

Sechseckiger Picknicktisch aus Holz auf einem gepflasterten Platz an einer Straßenkehre, dahinter das Tal
Die erste Kehre über Unhais da Serra

Die erste Kehre kommt schnell. Danach sieht man das Dorf schon von oben.

Asphaltstraße, die sich durch eine karge Granitlandschaft mit Ginster und einzelnen Kiefern zieht
Oberhalb von 900m wird es karg

Oberhalb von 900m ändert sich die Landschaft. Der Wald (meist eh schon abgebrannt) hört auf, es kommen Granit, Ginster und einzelne Kiefern. Die Brandflächen von 2022 und 2025 sieht man immer noch überall.

Schlangenlinien

Und hier kommt der Teil, wegen dem ich die Tour später überhaupt wiederholt habe.

Zwischen Unhais und den Ruinen ist die Steigung sehr unterschiedlich. Zwei Stellen stechen heraus: direkt aus dem Ort raus, und ein paar hundert Meter kurz vor den Ruinen. Beide sind extrem steil, und da ist mein kleinster Gang einfach zu lang. Ich sitze im 32/36 und drücke, statt zu kurbeln. Die Trittfrequenz fällt schon auf 50 und der Puls geht nach oben.

An diesen zwei Stellen geht nur noch Slalom. Ich fahre in extremen Schlangenlinien über die ganze Straßenbreite, um mir die Steigung selbst flacher zu machen. Anders komme ich da nicht mehr hoch. Das ist kein Fahrstil, das ist eine Notlösung, und sie funktioniert nur, weil hier kaum ein Auto fährt. Wer den Track weit genug reinzoomt, sieht es.

So kommt man den Berg hoch. Aber nicht schön. Schieben steht nicht zur Diskussion, es heißt ja schließlich Fahrrad und nicht Laufrad.

Die verlassenen Häuser auf 1.300m

Verlassenes zweistöckiges Gebäude mit Wellblechdach und Balkon an einer Bergstraße
Auf 1.294m stehen mehrere leere Häuser an der Straße

Auf gut 1.290m stehen mehrere leere Gebäude an der Straße. Ein größeres mit Balkon und Wellblechdach, daneben noch ein paar. Sie sehen aus, als hätte hier mal jemand vom Durchgangsverkehr gelebt.

Rußgeschwärztes Steinhaus mit Graffiti und verrostetem Tor, davor eine Trockenmauer
Vom Feuer gezeichnet

Das schwarze Haus daneben hat Feuer gesehen. In dieser Höhe brennt es regelmäßig, und was einmal aufgegeben wurde, wird hier nicht wieder aufgebaut.

Breite Schotterpiste, die zwischen zwei kahlen Berghängen ansteigt
Kurzes Schotterstück

Zwischendurch gibt es ein kurzes Schotterstück. Es geht entlang eines Bewässerungskanals von einem höher liegenden Stausee. 2 Kilometer erholen, bevor es dann richtig steil wird.

Mit Steinen notdürftig gefülltes Schlagloch auf schmaler Bergstraße, im Vordergrund Lenker und Vorderrad des Gravelbikes
Straßenreparatur auf Portugiesisch

Die Straße ist in dieser Höhe stellenweise durch. Schlaglöcher werden mit Steinen gefüllt, das ist die örtliche Version einer Reparatur. Bergauf sieht man sie rechtzeitig, bergab muss man aufpassen.

Grenzwertig steil

Nach dem Schotterstück geht es geteert weiter, und jetzt wird es wieder richtig steil. Grenzwertig steil. Schlangenlinien brauche ich hier aber nicht mehr, das geht geradeaus hoch.

Gravelbike mit Rahmen- und Satteltasche an einer Leitplanke, darunter zieht sich die Serpentinenstraße durch das Tal
Der Blick zurück auf die letzten Kilometer

Erst bei gut 1.500m mündet die kleine Straße in die große, die zum Torre hochführt.

Weiter Blick über bewaldete Bergrücken, durch die sich mehrere Straßen und Pisten ziehen
1.658m

Auf 1.658m mache ich Pause und schaue zurück ins Tal. Die Straße, die ich gerade hochgefahren bin, zieht sich da unten als heller Strich durch den Hang.

Enge Straßenkehre um einen großen dunklen Felsen, dahinter die tiefstehende Sonne
Kurz vor Sonnenuntergang

Inzwischen steht die Sonne tief. Der Mittag verging wie im Flug - ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel Zeit benötige.

Weißes Straßenschild mit der Aufschrift Altitude 1700 m neben einer Bergstraße, dahinter eine Felswand
Noch nicht ganz oben

Portugal beschildert die Höhe an der Straße. Bei 1.700m weiß ich, dass noch nicht mal 300 Meter fehlen. Ich kann nicht mehr! Das klingt nach wenig und ist auf den letzten Kilometern das Härteste des Tages.

Der Gipfel im letzten Licht

Verkehrsschild für eine Linkskurve mit einem kleinen Aufkleber, auf dem Nett hier steht, dahinter die Hochebene
Nett hier

Auf 1.877m klebt jemand ein "Nett hier" an ein Verkehrsschild. Untertreibung des Tages.

Straße zum Torre mit zwei großen weißen Radarkuppeln und einem Steinturm im Abendlicht
Die letzten Meter

Dann taucht der Gipfel auf. Die Radarkuppeln und der Turm sind schon von weitem zu sehen, und die letzte Rampe zieht sich.

Gepflasterter Gipfelplatz auf dem Torre mit steinernem Obelisken, Radarkuppel und Turm im Sonnenuntergang, rechts das angelehnte Gravelbike
1.993m, der höchste Punkt Portugals

Kurz nach acht bin ich oben. 1.993m laut Schild, mein GPS meint 1.996m. Die Sonne geht gerade unter.

Und hier kommt der Rest der Pizza aus Fundão zum Einsatz. Ein Stück hatte ich mir mitten am Anstieg gegönnt, das letzte gibt es jetzt am Obelisken. Kalte Pizza auf 1.993m ist besser als jedes Gipfelrestaurant.

Oben ist um die Uhrzeit wenig los. Ein paar Besucher mit dem Auto und zwei, drei Wohnmobile, die zum Sonnenuntergang hochgekommen sind. Ruhig, und angenehm windstill.

Der Torre kann auch komplett anders. Im Winter liegt hier Eis und Schnee, dazu Böen mit 120km/h, und dann steigt man nicht mal freiwillig aus dem Fahrzeug. An diesem Abend ist davon nichts zu spüren.

Nacht auf 1.613m

Gravelbike auf einer flachen Granitplatte, dahinter ein kleiner See auf der Hochebene in der Dämmerung
Nachtlager auf 1.613m

Zum Schlafen fahre ich noch ein Stück über die Hochebene zurück, zu einem kleinen See. Das ist die Belohnung des Tages, 400 hm runter, das rennt. Die Bremsen flehen um Gnade, aber die Scheiben sind am Ende nur goldbraun – also noch nicht überhitzt. Den Platz suche ich mir hinter ein paar Felsen in der Nähe der Straße. Der Boden hier oben ist Granit, und ein paar Gräser. Auf einer Steinplatte errichte ich mein Nachtlager. Es ist so warm, dass Isomatte und Schlafsack reichen, das Zelt erspare ich mir.

Abendhimmel in Orange und Blau über den dunklen Felsrücken der Hochebene, im Vordergrund Granitplatten
Dafür lohnt sich das Hochfahren

Dafür ist der Himmel entschädigend.

Tiefstehende Morgensonne über der kargen Hochebene mit Granitblöcken und Büschelgras
Kurz vor acht, und schon warm

Die Nacht ist herrlich ruhig, und am Morgen weckt mich die Sonne. Was ich vorher nicht erwartet hatte: Trotz 1.600m Höhe ist es mit 20°C angenehm warm. Leider besuchten mich in der Nacht immer wieder Ameisen, was die Nacht nicht ganz so entspannend gestaltet.

Tag 2: Zurück ins Tal

Der Rückweg ist der eigentliche Lohn. Vom Plateau geht es fast durchgehend bergab, bis Covilha mit teils über 50km/h statt 7km/h. Im Schnitt sind es an dem Tag lässige 20,7km/h bei nur 478 Höhenmetern, mehr muss man dazu nicht sagen. In Colvilha gibt es Frückstuück bei Lidl, dann kommt der Endspurt nach Hause.

Ab hier begann die Hölle - was gestern noch gar kein Problem war, entwickelt sich jetzt zum großen Problem. Mein Hintern schmerzt. Ab Fundão tat mir der Hintern so weh, dass ich nicht mehr wusste, wie ich sitzen soll. Aufstehen ging, sitzen ging nicht und ich war fertig vom Vortag. Die letzten Kilometer waren nur noch hoffen, dass es bald vorbei ist.

Wer meine älteren Berichte kennt, weiß, dass mich das Thema Sitzen seit Jahren begleitet. Ich habe unzählige Sättel durch, und der Gravelix fährt noch nicht die Lösung.

Der Bergrücken der Serra da Estrela über dem Tal, im Vordergrund die Zweige eines Laubbaums
Zurück im Tal, der Berg im Rücken

Unten im Tal schaue ich noch mal hoch. Von hier sieht der Berg wieder aus wie ein Hügel.

Schattige Landstraße mit Leitplanke, im Vordergrund der weiße Stamm einer Birke
Die letzten Kilometer nach Hause

Die letzten Kilometer nach Hause fahre ich im Schatten.

Tourdaten Juli, Gravelix

Tag 1
Strecke: 72,7km
Höhenmeter: 2.208
Fahrzeit: 6:10h, unterwegs 10:00h
Ø Geschwindigkeit: 11,8km/h
Ø Puls: 142, maximal 177
Kalorien: 1.822
Wetter: 34°C beim Start, im Tal bis 38°C

Tag 2
Strecke: 47,6km
Höhenmeter: 478
Fahrzeit: 2:18h
Ø Geschwindigkeit: 20,7km/h
Ø Puls: 120, maximal 154
Wetter: 25°C beim Start

Gesamt: 120,3km, 2.686 Höhenmeter, 8:29h Fahrzeit

Beide Touren nebeneinander

Einen Monat später bin ich dieselbe Strecke mit dem Frankenstein gefahren. Bevor ich davon erzähle, hier der direkte Vergleich, denn darum ging es ja.

Ich habe die Aufzeichnungen beider Touren auf eine gemeinsame Distanzachse gelegt. In der folgenden Ansicht kannst du den Schieberegler über das Höhenprofil ziehen und siehst an jeder Stelle der Strecke, wie hoch ich war, wie schnell ich war und was der Puls gemacht hat. Für beide Räder gleichzeitig, für beide Tage.

Was in den Zahlen steht

Erstens sind die Zahlen in der Tabelle unten bereinigt. Ich habe Umwegschleifen in den Ortschaften herausgeschnitten (beim Gravelbike 3,6km, beim Frankenstein 0,9km) und Aufzeichnungslücken mit der Geometrie der jeweils anderen Fahrt gefüllt, weil ich ja dieselbe Straße gefahren bin. Deshalb weichen sie von den rohen Gerätewerten in den Tourdaten ab.

Zweitens: die Räder wiegen reisefertig 21 und 30 Kilo, jeweils mit 3 Litern Wasser. Der Frankenstein schleppt also 9 Kilo mehr den Berg hoch.

Auffahrt, Tag 1 Gravelix Frankenstein
Strecke 70,84km 70,20km
Höhenmeter 2.208 2.146
Fahrzeit 5:33:10 5:35:57
Ø Geschwindigkeit 12,76km/h 12,54km/h
Ø Puls 143 144
Maximaler Puls 177 172
Zeit im Schwellenbereich und darüber 2:05h (38%) 1:46h (31%)
davon ganz oben, über 163 36 Minuten 11 Minuten
Zeit im Sweet Spot 1:20h 2:00h
Startzeit 10:03 Uhr 08:48 Uhr

Der wichtigste Wert steht in der dritten Zeile. Mit 9 Kilo mehr am Rad brauche ich für die Auffahrt 2 Minuten und 47 Sekunden länger. Bei fünfeinhalb Stunden sind das 0,8 Prozent. Ich hatte mit deutlich mehr gerechnet.

Dafür sieht der Rest ganz anders aus. Im roten Puls-Bereich stand ich mit dem Gravelbike 36 Minuten, mit dem Frankenstein 11. Das sind 25 Minuten weniger am Anschlag. Die Zeit ist nicht verschwunden, sie ist in den Sweet Spot gewandert, da hat der Frankenstein 40 Minuten mehr. Und der Maximalpuls liegt 5 Schläge niedriger. Der Frankenstein ist hier eineinhalb Minuten langsamer und liegt dabei 8 Schläge tiefer im Puls. Das liegt aber auch daran, dass ich beim zweiten Mal mehr mit Brombeeressen beschäftigt war und öfter angehalten habe.

Übersetzt heißt das: gleiche Zeit, deutlich weniger Belastung.

Das Steilstück

Am klarsten wird es auf den letzten 2,9 Kilometern zum Gipfel. Da liegt die Steigung im Schnitt bei 7 Prozent, mit steileren Rampen dazwischen.

Letzte 2,9km zum Gipfel Gravelix Frankenstein
Fahrzeit 21:37 min 23:11 min
Ø Geschwindigkeit 8,0km/h 7,5km/h
Ø Puls 159 151
Anteil über der Schwelle 84% 62%

Was aber der größte Unterschied war, passierte gar nicht hier oben, sondern weiter unten zwischen Unhais und den Ruinen: Mit dem Gravelbike bin ich dort an den steilsten Stellen nur noch im Slalom hochgekommen, weil der erste Gang zu lang war. Mit dem Frankenstein brauche ich den ersten Gang an denselben Stellen nicht einmal. Ich fahre die Rampen in den Gängen 2 bis 4 hoch, geradeaus, mit einer Trittfrequenz, die sich halten lässt. Und das ist der Unterschied, der für mich wirklich zählt und sich am Ende des Tages auch darin widerspiegelt ob man total fertig ist, oder ob es einfach nur ein schöner Tag war. Ok - nach über 2000hm bin ich fertig – egal mit welchem Bike.

Und der Rückweg?

Am zweiten Tag dreht sich das Bild komplett um. Auf abfahrtslastiger Strecke schlägt die Masse ins Positive um: Der Frankenstein ist 4:15 schneller als das Gravelbike, bei 3 Schlägen niedrigerem Puls. 22,08 gegen 21,11km/h im Schnitt. Aber dazu muss ich auch zwei Punkte erklären: Runter habe ich mich mit Frankenstein deutlich sicherer gefühlt, und konnte so schnellere Kurvengeschwindigkeiten fahren. Und bin auch deutlich fitter gewesen, die zweite Rückfahrt war ein netter Spaziergang im Vergleich zum ersten Mal.

Was ich auch noch dazusagen muss: Zwischen den beiden Fahrten liegt auch ein Monat Training mit einer 500km Rundreise durch Portugal.

Das Wetter fällt als Erklärung dagegen aus. Im Tal war der Julitag mit 38°C zwei Grad wärmer, am Berg war es umgekehrt: Im Juli war es leicht bewölkt und kühler, im August hatte ich volle Sonne. Wenn überhaupt, lagen die schlechteren Bedingungen am entscheidenden Teil der Strecke beim Frankenstein.

August | Mit dem Frankenstein auf den Torre

Jetzt kommt der zweite Teil, was mich erwartet, weiß ich schon – ob es nun zum Vor- oder Nachteil ist, kann ich nicht sagen. Der Berg ist einfach ewig lang. Aber ich will es trotzdem wissen.

Tag 1: Diesmal früher

Nach der Julihitze starte ich diesmal um Viertel vor neun. Das ist gut eine Stunde früher, und es macht den ganzen Unterschied in der Cova da Beira.

Schwarzes Stahlreiserad mit Lenkertasche, Rahmentasche und Hinterradtaschen an derselben Leitplanke, dahinter die weite Ebene der Cova da Beira
Gleiche Leitplanke, anderes Rad

Gleiche Leitplanke, gleicher Blick, anderes Rad. Der Frankenstein sieht mit Taschen und Zelt aus wie ein Lastesel, und genau das ist er auch.

Supermarktfiliale von außen mit Einkaufswagen unter dem Vordach, im Hintergrund der Bergrücken der Serra da Estrela mit dem Torre
Erster Supermarkt des Tages, Frühstück. Im Hintergrund liegt der Torre

Erster Supermarkt des Tages, hier gibt es Frühstück. Und gleich noch ein Stück Pizza für später, aus dem gleichen Grund wie im Juli: Sie lässt sich kalt essen und macht satt.

Das Beste an dem Bild ist der Hintergrund. Hinten sieht man schon das Tagesziel, die Serra da Estrela, und da oben liegt der Torre. Von hier aus sind das nur noch rund 1.500 Höhenmeter.

Braunes Hinweisschild mit der Aufschrift Parque Natural da Serra da Estrela am Rand einer Landstraße
Ab hier Naturpark

Ab hier bin ich im Naturpark.

In Unhais da Serra hole ich mir einen Hamburger als Mittagessen und fahre weiter. Der Unterschied zum Juli könnte deutlicher nicht sein. Damals bin ich hier erschöpft angekommen und zweimal in den Bach gestiegen, diesmal ist es einfach nur der Ort, an dem es Mittagessen gibt.

Schwarzes Reiserad mit blauer und schwarzer Ortlieb-Hinterradtasche und längs aufgeschnalltem Zelt auf dem Gepäckträger, vorn ein leerer Lowrider-Träger, daneben ein rotes Jagdgebiets-Schild
30 Kilo reisefertig. Man sieht es dem Rad an

30 Kilo, fahrfertig mit Wasser. Vorne der Ortlieb-Lowrider, an dem auf längeren Touren die Vordertaschen hängen. Für zwei Tage bleibt er leer. Hinten die kleinen Taschen, die normal vorn hängen, dazu das Zelt längs auf dem Gepäckträger. Man sieht dem Rad an, wofür es gebaut ist. Und man spürt es auch in jeder Steigung.

Zweig mit reifen schwarzen und unreifen roten Brombeeren zwischen grünen Blättern
Verpflegung am Wegesrand

Anfang August sind die Brombeeren so weit. Das ist einer der Vorteile, wenn man dieselbe Strecke einen Monat später fährt.

Der Berg, zum zweiten Mal

Bergstraße, die sich durch eine trockene Granitlandschaft windet, im Vordergrund Stamm und Zweige einer Kiefer
Dieselbe Stelle wie im Juli, nur einen Monat trockener

Dieselbe Stelle wie im Juli, nur einen Monat trockener. Das Gras ist weg, die Farbe raus.

Wasserstrahl aus einem Rohr in einer Trockenmauer, darunter Gras und Kräuter
Eine von vielen Quellen an der Strecke

Zwischen Unhais da Serra und der großen Straße, die oben zum Torre führt, gibt es genau zwei Stellen mit Wasser. Zwei. Nicht "alle paar Kilometer eine Quelle", wie man es in dieser Landschaft vermuten würde. Wer das falsch einschätzt, steht mit leeren Flaschen mitten im Anstieg, und das bei 30°C aufwärts und ohne Schatten.

Beim zweiten Mal habe ich beide angesteuert. Kopf drunter, Flaschen voll, weiter. Das ist an dieser Auffahrt die ultimative Abkühlung, und es gibt sie eben nur zweimal.

Weiter Blick von der Passstraße über die Hügel der Beira, links ein verlassenes Steingebäude
1.295m, dieselben Ruinen wie im Juli

Auf 1.295m stehen wieder die verlassenen Häuser. Bei voller Sonne sieht die Ecke nicht mehr so verlassen aus wie im Abendlicht im Juli.

Blick von oben in ein tief eingeschnittenes Tal, durch das sich Straße und Pisten ziehen
Der gleiche Blick wie im Juli, diesmal ohne Wolken

Und derselbe Talblick von 1.658m, diesmal ohne eine einzige Wolke.

Ab hier kommt die Stelle, an der ich im Juli Schlangenlinien gefahren bin. Ich merke sie fast nicht. Ich schalte vom vierten in den zweiten Gang, bleibe sitzen, und fahre geradeaus hoch. Der erste Gang bleibt an dem Tag ungenutzt. Das ist der Moment, in dem sich der ganze Aufwand mit der Rohloff erledigt hat.

In den Fels gesprengter Straßentunnel an der Passstraße, darüber eine massive Granitwand
Der in den Fels gesprengte Tunnel auf gut 1.700m

Kurz darunter kommt der in den Fels gesprengte Tunnel. Die letzten Kilometer sind nicht nur die anstrengendsten, sondern auch die schönsten der gesamten Tour. Die Felslandschaft kann man auf dem Rad perfekt genießen. Viel besser als im Auto.

Breites Panorama über die Hochebene der Serra da Estrela mit Serpentinenstraße, Felsrücken und dem Horizont im Dunst
Panorama auf 1.733m

Auf 1.733m reicht der Blick über die halbe Hochebene.

Der Lago do Viriato auf der Hochebene, dahinter Gebäude und die dunstige Ebene
Der Lago do Viriato

Von hier oben sieht man den Lago do Viriato. Ein Stausee auf gut 1.550m, mitten im Granit.

Blick über kahle Bergrücken in ein weites Tal, an dessen Hang sich eine helle Piste entlangzieht
Von hier oben sieht die Auffahrt harmlos aus

Oben, fünf vor Ladenschluss

Auf den letzten Kilometern bekomme ich dann doch noch Druck, und zwar aus einer Richtung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Die Läden am Gipfel schließen um 19 Uhr. Die verkaufen neben dem üblichen Touriramsch auch Käse und Schinken aus der Region, und ich freue mich schon so auf was Kaltes zu trinken.

Also trete ich am Schluss richtig, um es noch zu schaffen.

Gepflasterter Gipfelplatz auf dem Torre mit Radarkuppeln, Turm und Gipfelobelisk in der Mittagssonne, rechts das angelehnte Reiserad
Oben. Diesmal gut anderthalb Stunden früher

Um fünf vor sieben stehe ich am Obelisken. Gut anderthalb Stunden früher als im Juli, und diesmal bei vollem Licht.

Ich hole mir drei Dosen kalte Limo und ein belegtes Käse-Schinken-Brötchen. Das wartet da offensichtlich schon den ganzen Tag auf mich, entsprechend zäh ist es auch. Dazu das Stück Pizza vom Vormittag, das ich seit dem Supermarkt mit hochgeschleppt habe. Also nicht viel jünger. Zwei Touren, zweimal Pizza am Gipfel, das wird langsam Tradition. Aber ob ich wirklich nochmal mit dem Fahrrad hier hochkomme?

Auch an diesem Abend ist es oben ruhig und windstill. Ein paar Autos, zwei Wohnmobile, sonst nichts. Zweimal hintereinander so ein Wetter am Torre ist Glück, nicht Normalzustand.

Das Gefühl oben ist ein anderes als im Juli. Damals bin ich kaputt angekommen und war froh, dass es vorbei war. Dieses Mal hätte ich noch weiterfahren können. Ich überlege tatsächlich, heute noch zurückzufahren, ich wäre vor 22 Uhr zu Hause.

Kleiner See auf der Hochebene im Abendlicht, im Vordergrund große flache Granitplatten
Zurück am Wasser

Zum Schlafen fahre ich an dieselbe Stelle wie im Juli zurück. War ja schön da.

Freistehendes Zelt in Grün und Grau auf der Hochebene, dahinter der Sonnenuntergang hinter den Bergrücken
Nachtlager, zweiter Versuch

Wieder hinter ein paar Felsen in Straßennähe, diesmal das Innenzelt aufgebaut, damit ich nachts Ruhe habe.. Auch diese Nacht ist herrlich ruhig, morgens weckt mich wieder die Sonne. Mit 18°C ist es zwei Grad kühler als im Juli und immer noch angenehm.

Tag 2: Runter

Der Rückweg beginnt bei 19°C, drei Grad kühler als im Juli. Bergab merkt man das Gewicht sofort, allerdings positiv. Der Frankenstein liegt satt auf der Straße, wo das Gravelbike bei jeder Bodenwelle nervös wird. Unbeladen liegt das Gravel viel besser auf der Straße. Und mit 55mm Reifen sind die Schlaglöcher kein Thema mehr.

Zu Hause bin ich vier Minuten schneller als mit dem leichten Rad. Bei niedrigerem Puls.

Tourdaten August, Frankenstein

Tag 1
Strecke: 70,2km bereinigt
Höhenmeter: 2.146
Fahrzeit: 5:36h
Ø Geschwindigkeit: 12,54km/h
Ø Puls: 144, maximal 172
Wetter: 25°C beim Start, im Tal bis 36°C, am Berg volle Sonne

Tag 2
Strecke: 48,7km
Fahrzeit: 2:12h
Ø Geschwindigkeit: 22,08km/h
Ø Puls: 117
Wetter: 19°C beim Start

Fazit

Ich bin mit einer klaren Erwartung in den Vergleich gegangen und habe sie zur Hälfte bestätigt bekommen.

Bestätigt hat sich, dass die kurze Übersetzung am Berg der entscheidende Faktor ist. 25 Minuten weniger am Anschlag, 8 Schläge weniger am Steilstück, und keine Schlangenlinien mehr. Das ist kein Komfortgewinn, das ist der Unterschied zwischen "ich komme da hoch" und "ich komme da hoch und kann danach weiterfahren".

Nicht bestätigt hat sich meine Angst vor dem Gewicht. Ich habe mit einer deutlichen Zeitstrafe für 9 Kilo gerechnet. Es waren 2:47 auf fünfeinhalb Stunden. Bergab hat das Gewicht die Zeit sogar wieder eingespielt und noch etwas obendrauf gelegt.

Und damit ist auch die Frage beantwortet, wegen der ich den Gravelix überhaupt gekauft habe. Es liegt nicht am Fahrer. Es liegt aber auch nicht am Gewicht. Es liegt an der Übersetzung, und dazu am Sattel.

Ehrlich gesagt stehe ich nach dieser Tour davor, den Gravelix wieder zu verkaufen. Das ist kein schlechtes Urteil über das Rad, es ist ein sehr gutes Rad für das, wofür es gebaut wurde. Es ist nur nicht das, was ich hier vor der Haustür brauche. Als Test war der Kauf trotzdem jeden Euro wert, denn ohne ihn hätte ich weiter geraten statt gemessen.

Schön, dass du mit dabei warst. Der Sommer ist noch nicht vorbei - ich hoffe, dieses Jahr noch mindestens eine längere Tour machen zu können.

VG Wort

1 Kommentar

  1. Wow, herzlichen Glückwunsch!
    Noch wissenschaftlich fundierter geht’s wohl nicht!
    Ich finde diesen Vergleich den absoluten Hammer.

    Fahre selbst einen noch etwas schwereren “Frankenstein” mit 1xRohloff 42×18, Entfaltung im 1. Gang von 1,57m. Bin mir nun nach deiner Testreihe echt am überlegen ob ich deine Idee übernehme und auch auf 2x Rohloff aufrüste.
    Es ist immer wieder der Knaller wie objektiv wissenschaftlich du sowas ermittelst.
    Danke!
    Philipp

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