Zweimal auf den Torre | Gravelix gegen Frankenstein
Der höchste Berg Portugals liegt bei mir um die Ecke. 1.993m, zwei Tage hin und zurück. Ich wollte da schon immer mal mit dem Fahrrad hoch fahren, fühlte mich jedoch nie fit genug für diese Tour. Im Juli war es dann soweit. Ich bin ich mit dem leichten Gravelbike hochgefahren und habe mich dabei ordentlich gequält. Weils so schön, war, dann gleich einen Monat später noch einmal gefahren, mit dem 9 Kilo schwereren Stahlrad. Warum das alles, kommt jetzt:
Der Berg vor der Haustür
Von unserer Quinta sind es ein paar Kilometer, bis man die Serra da Estrela vor sich hat. Ein langer, flacher Rücken am Horizont, der nach nichts aussieht. Dass da oben mit dem Torre der höchste Punkt des portugiesischen Festlands liegt, glaubt man dem Berg von unten nicht. Kommt man näher, ändert sich das Bild und die Schönheit dieser Gegend wird sichtbar.
Die Strecke ist schnell erzählt. Vom Tal auf 450m durch die Cova da Beira nach Unhais da Serra, und ab dort geht es nur noch hoch. Etwa 70 Kilometer und gut 2.200 Höhenmeter bis zum Gipfel. Oben auf der Hochebene übernachten, am nächsten Tag zurück. In Summe rund 120 Kilometer.
Ich bin die Strecke zweimal gefahren. Am 5. und 6. Juli mit dem Gravelbike, am 6. und 7. August mit dem Reiserad. Nicht aus Nostalgie, sondern weil ich eine Frage beantworten wollte, die mich seit dem Kauf des Gravelbikes beschäftigt.
Die zwei Räder
Das schnelle Rad ist ein Giant Revolt Advanced 2, Carbon, knapp 9,5 Kilo. Ich nenne es Gravelix, und ich habe es erst seit ein paar Wochen.
Gekauft habe ich es wegen einer simplen Frage: Liegt es am Fahrrad oder am Fahrer, ob man große Distanzen schafft? Ich wollte wissen, wie viel ein leichtes, schnelles Rad wirklich ausmacht. Ein sauberer Test, dachte ich.
Die Antwort kam schneller als erwartet und ging in eine andere Richtung. Nach den ersten Bergtouren war klar: Diese Schaltung ist nicht für portugiesische Berge gemacht. Vorne 48/30, hinten 11 bis 36, kleinster Gang 1,83m Entfaltung. Das ist eine Straßenübersetzung.
Ich habe deshalb das kleine Kettenblatt von 32 auf 30 getauscht. Das bringt etwas. Es reicht nur nicht. Und viel mehr geht bei einer 2-fach-GRX auch nicht, die 11-36 ist die größte Kassette, größere 2-fach-Kassetten gibt es nicht. Bleibt der Umbau auf eine Rohloff, und der ist nicht billig.
Also habe ich es umgekehrt gemacht: Statt das teure Carbonrad umzubauen, habe ich angefangen, mein altes Genesis Longitude in den Frankenstein zu verwandeln.
Stahlrahmen, ursprünglich ein 27,5er Hardtail. Inzwischen ist da wenig original: Flatbar mit Aerobar, Gepäckträger vorn und hinten, Rohloff Speedhub mit zwei Kettenblättern davor. So baut das kein Hersteller, daher der Name.
Der letzte Umbau waren die Laufräder. Vorher liefen da 70mm-Ballonreifen drauf, das rollt zäh. Runter auf 55mm, und weil es den Schwalbe G-One R Pro in 55mm nur für 622er Felgen gibt, gleich der komplette Umbau auf 700C. Rollwiderstand kommt vom Casing, nicht vom Raddurchmesser, und der alte Reifen war da das eigentliche Problem.
Interessant ist der kleinste Gang. Rohloff Gang 1 mit dem 24er Blatt und 15 Zähnen hinten ergibt eine Entfaltung von rund 1,00m. Das ist fast die Hälfte vom Gravelbike. Die gesamte Bandbreite liegt bei etwa 833 Prozent, das Gravelbike kommt auf 524.
| Gravelix | Frankenstein | |
|---|---|---|
| Basis | Giant Revolt Advanced 2 | Genesis Longitude 2024 |
| Rahmen | Carbon | Stahl |
| Gewicht Rad | ca. 9,5kg | ca. 14kg |
| Reisefertig mit 3 Litern Wasser | 21kg | 30kg |
| Schaltung | Shimano GRX 820, 2x12, 48/30 vorn, 11 bis 36 hinten | Rohloff Speedhub 14-Gang, 24/38 vorn, 15 Zähne hinten |
| Bandbreite | 524% | 833% |
| Kleinster Gang, Entfaltung | 1,83m | ca. 1,00m |
| Reifen | 700C, 50mm | 700C, Schwalbe G-One R Pro 55mm, tubeless |
| Lenker | Dropbar | Flatbar 680mm plus Aerobar |
| Gepäck | Bikepacking-Taschen am Rahmen | Ortlieb hinten 2x21 Liter plus Lenker- und Rahmentasche, Lowrider vorn für 2x15 Liter |
| Sattel | Kunststoffsattel | Brooks B17 Imperial |
Die 9 Kilo Unterschied stehen also nicht nur am Rad, sondern zum großen Teil in den Taschen. Der Frankenstein fährt mit Zelt und komplettem Reisegepäck, das Gravelbike deutlich leichter bepackt.
Wer meinen Reisebericht von 2024 gelesen hat, kennt das Ende: Die Kettenschaltung am Genesis hat gezickt, die Kette ist mir oben auf der Estrela über das größte Ritzel in die Speichen gefallen, und ich habe damals geschrieben, dass ich mit zwei Kettenblättern vor einer Rohloff auf 28 Gänge käme und das genau mein Ding wäre. Zwei Jahre später fahre ich genau das.
Die Frage war also: Wie viel kostet mich das Mehrgewicht wirklich, und wie viel bringt die kurze Übersetzung? Der Torre ist dafür der ehrlichste Prüfstand, den ich vor der Tür habe.
Juli | Mit dem Gravelix auf den Torre
Es ist Sommer und es ist brechend heiß. Genau der richtige Zeitpunkt für den Torre, da oben ist es sicher kühler.
Tag 1: Durch die Cova da Beira
Ich komme viel zu spät los. Kurz nach elf rolle ich vom Hof, und das ist im Juli in Portugal eine schlechte Idee. Im Tal hat es an diesem Tag 38°C.

Die ersten Kilometer gehen erst mal hoch, wie fast alles hier. Nach knapp einer Stunde stehe ich an der Leitplanke über dem Tal und mache das erste Foto in Richtung Süden. Von hier sieht man die halbe Beira Baixa.

Dreht man sich um, sieht man das Ziel. Der Rücken im Hintergrund ist die Estrela. Sieht aus wie ein Hügel, ist aber zwei Kilometer höher als der Punkt, an dem ich gerade stehe.
Danach geht es lange runter nach Fundão. Die Abfahrt ist die vorletzte einfache Sache des Tages.

13 Uhr, in Fundão gehe ich in die Pizzeria und hole mir eine große Pizza. Die Hälfte esse ich gleich, den Rest packe ich ein. Das stellt sich später als die beste Entscheidung des Tages heraus.
Die Plätze in den portugiesischen Kleinstädten sind für eine Pause ideal, es gibt fast immer Bäume, Bänke und Wasser.

Nördlich von Fundão wird es flach. Die Cova da Beira ist ein breites Becken zwischen zwei Gebirgen, hier stehen Obstplantagen und Weiden. Bei Alcaria kommen mir vier Pferde entgegen, die offensichtlich wenig Lust auf die Hitze haben und sich vermutlich wundern, was der Verrückte mit dem Fahrrad hier sucht.

In Dominguizo gibt es einen Rastplatz mit Brunnen. Ich bleibe eine gute halbe Stunde sitzen. Bei der Temperatur ist Abkühlung lebensnotwendig.

Danach ist Schluss mit flach. Die Straße zeigt nur noch in eine Richtung.
Unhais da Serra, zweimal ins eiskalte Wasser

Unhais da Serra liegt auf 630m und ist der letzte Ort vor dem Berg. Es gibt ein Thermalbad, ein Flussbad und ein paar Restaurants.
Ich komme hier komplett erschöpft an. 38°C im Tal, und das steckt einem nach über 30 Kilometern in den Knochen. Also lege ich eine lange Pause ein und gehe gleich zweimal in den eiskalten Bergbach. Das ist an dem Tag die Rettung, ohne die zwei Badeeinlagen wäre ich den Berg nicht mehr hochgekommen.
Ab dem Ortsausgang beginnt der eigentliche Anstieg. Von 630m bis zum Gipfel sind es noch 1.360 Höhenmeter am Stück. Das ist der Teil, für den ich die ganze Anfahrt gemacht habe.

Die erste Kehre kommt schnell. Danach sieht man das Dorf schon von oben.

Oberhalb von 900m ändert sich die Landschaft. Der Wald (meist eh schon abgebrannt) hört auf, es kommen Granit, Ginster und einzelne Kiefern. Die Brandflächen von 2022 und 2025 sieht man immer noch überall.
Schlangenlinien
Und hier kommt der Teil, wegen dem ich die Tour später überhaupt wiederholt habe.
Zwischen Unhais und den Ruinen ist die Steigung sehr unterschiedlich. Zwei Stellen stechen heraus: direkt aus dem Ort raus, und ein paar hundert Meter kurz vor den Ruinen. Beide sind extrem steil, und da ist mein kleinster Gang einfach zu lang. Ich sitze im 32/36 und drücke, statt zu kurbeln. Die Trittfrequenz fällt schon auf 50 und der Puls geht nach oben.
An diesen zwei Stellen geht nur noch Slalom. Ich fahre in extremen Schlangenlinien über die ganze Straßenbreite, um mir die Steigung selbst flacher zu machen. Anders komme ich da nicht mehr hoch. Das ist kein Fahrstil, das ist eine Notlösung, und sie funktioniert nur, weil hier kaum ein Auto fährt. Wer den Track weit genug reinzoomt, sieht es.
So kommt man den Berg hoch. Aber nicht schön. Schieben steht nicht zur Diskussion, es heißt ja schließlich Fahrrad und nicht Laufrad.
Die verlassenen Häuser auf 1.300m

Auf gut 1.290m stehen mehrere leere Gebäude an der Straße. Ein größeres mit Balkon und Wellblechdach, daneben noch ein paar. Sie sehen aus, als hätte hier mal jemand vom Durchgangsverkehr gelebt.

Das schwarze Haus daneben hat Feuer gesehen. In dieser Höhe brennt es regelmäßig, und was einmal aufgegeben wurde, wird hier nicht wieder aufgebaut.

Zwischendurch gibt es ein kurzes Schotterstück. Es geht entlang eines Bewässerungskanals von einem höher liegenden Stausee. 2 Kilometer erholen, bevor es dann richtig steil wird.

Die Straße ist in dieser Höhe stellenweise durch. Schlaglöcher werden mit Steinen gefüllt, das ist die örtliche Version einer Reparatur. Bergauf sieht man sie rechtzeitig, bergab muss man aufpassen.
Grenzwertig steil
Nach dem Schotterstück geht es geteert weiter, und jetzt wird es wieder richtig steil. Grenzwertig steil. Schlangenlinien brauche ich hier aber nicht mehr, das geht geradeaus hoch.

Erst bei gut 1.500m mündet die kleine Straße in die große, die zum Torre hochführt.

Auf 1.658m mache ich Pause und schaue zurück ins Tal. Die Straße, die ich gerade hochgefahren bin, zieht sich da unten als heller Strich durch den Hang.

Inzwischen steht die Sonne tief. Der Mittag verging wie im Flug - ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel Zeit benötige.

Portugal beschildert die Höhe an der Straße. Bei 1.700m weiß ich, dass noch nicht mal 300 Meter fehlen. Ich kann nicht mehr! Das klingt nach wenig und ist auf den letzten Kilometern das Härteste des Tages.
Der Gipfel im letzten Licht

Auf 1.877m klebt jemand ein "Nett hier" an ein Verkehrsschild. Untertreibung des Tages.

Dann taucht der Gipfel auf. Die Radarkuppeln und der Turm sind schon von weitem zu sehen, und die letzte Rampe zieht sich.

Kurz nach acht bin ich oben. 1.993m laut Schild, mein GPS meint 1.996m. Die Sonne geht gerade unter.
Und hier kommt der Rest der Pizza aus Fundão zum Einsatz. Ein Stück hatte ich mir mitten am Anstieg gegönnt, das letzte gibt es jetzt am Obelisken. Kalte Pizza auf 1.993m ist besser als jedes Gipfelrestaurant.
Oben ist um die Uhrzeit wenig los. Ein paar Besucher mit dem Auto und zwei, drei Wohnmobile, die zum Sonnenuntergang hochgekommen sind. Ruhig, und angenehm windstill.
Der Torre kann auch komplett anders. Im Winter liegt hier Eis und Schnee, dazu Böen mit 120km/h, und dann steigt man nicht mal freiwillig aus dem Fahrzeug. An diesem Abend ist davon nichts zu spüren.
Nacht auf 1.613m

Zum Schlafen fahre ich noch ein Stück über die Hochebene zurück, zu einem kleinen See. Das ist die Belohnung des Tages, 400 hm runter, das rennt. Die Bremsen flehen um Gnade, aber die Scheiben sind am Ende nur goldbraun – also noch nicht überhitzt. Den Platz suche ich mir hinter ein paar Felsen in der Nähe der Straße. Der Boden hier oben ist Granit, und ein paar Gräser. Auf einer Steinplatte errichte ich mein Nachtlager. Es ist so warm, dass Isomatte und Schlafsack reichen, das Zelt erspare ich mir.

Dafür ist der Himmel entschädigend.

Die Nacht ist herrlich ruhig, und am Morgen weckt mich die Sonne. Was ich vorher nicht erwartet hatte: Trotz 1.600m Höhe ist es mit 20°C angenehm warm. Leider besuchten mich in der Nacht immer wieder Ameisen, was die Nacht nicht ganz so entspannend gestaltet.
Tag 2: Zurück ins Tal
Der Rückweg ist der eigentliche Lohn. Vom Plateau geht es fast durchgehend bergab, bis Covilha mit teils über 50km/h statt 7km/h. Im Schnitt sind es an dem Tag lässige 20,7km/h bei nur 478 Höhenmetern, mehr muss man dazu nicht sagen. In Colvilha gibt es Frückstuück bei Lidl, dann kommt der Endspurt nach Hause.
Ab hier begann die Hölle - was gestern noch gar kein Problem war, entwickelt sich jetzt zum großen Problem. Mein Hintern schmerzt. Ab Fundão tat mir der Hintern so weh, dass ich nicht mehr wusste, wie ich sitzen soll. Aufstehen ging, sitzen ging nicht und ich war fertig vom Vortag. Die letzten Kilometer waren nur noch hoffen, dass es bald vorbei ist.
Wer meine älteren Berichte kennt, weiß, dass mich das Thema Sitzen seit Jahren begleitet. Ich habe unzählige Sättel durch, und der Gravelix fährt noch nicht die Lösung.

Unten im Tal schaue ich noch mal hoch. Von hier sieht der Berg wieder aus wie ein Hügel.

Die letzten Kilometer nach Hause fahre ich im Schatten.
Tourdaten Juli, Gravelix
Tag 1
Strecke: 72,7km
Höhenmeter: 2.208
Fahrzeit: 6:10h, unterwegs 10:00h
Ø Geschwindigkeit: 11,8km/h
Ø Puls: 142, maximal 177
Kalorien: 1.822
Wetter: 34°C beim Start, im Tal bis 38°C
Tag 2
Strecke: 47,6km
Höhenmeter: 478
Fahrzeit: 2:18h
Ø Geschwindigkeit: 20,7km/h
Ø Puls: 120, maximal 154
Wetter: 25°C beim Start
Gesamt: 120,3km, 2.686 Höhenmeter, 8:29h Fahrzeit
Beide Touren nebeneinander
Einen Monat später bin ich dieselbe Strecke mit dem Frankenstein gefahren. Bevor ich davon erzähle, hier der direkte Vergleich, denn darum ging es ja.
Ich habe die Aufzeichnungen beider Touren auf eine gemeinsame Distanzachse gelegt. In der folgenden Ansicht kannst du den Schieberegler über das Höhenprofil ziehen und siehst an jeder Stelle der Strecke, wie hoch ich war, wie schnell ich war und was der Puls gemacht hat. Für beide Räder gleichzeitig, für beide Tage.
Was in den Zahlen steht
Erstens sind die Zahlen in der Tabelle unten bereinigt. Ich habe Umwegschleifen in den Ortschaften herausgeschnitten (beim Gravelbike 3,6km, beim Frankenstein 0,9km) und Aufzeichnungslücken mit der Geometrie der jeweils anderen Fahrt gefüllt, weil ich ja dieselbe Straße gefahren bin. Deshalb weichen sie von den rohen Gerätewerten in den Tourdaten ab.
Zweitens: die Räder wiegen reisefertig 21 und 30 Kilo, jeweils mit 3 Litern Wasser. Der Frankenstein schleppt also 9 Kilo mehr den Berg hoch.
| Auffahrt, Tag 1 | Gravelix | Frankenstein |
|---|---|---|
| Strecke | 70,84km | 70,20km |
| Höhenmeter | 2.208 | 2.146 |
| Fahrzeit | 5:33:10 | 5:35:57 |
| Ø Geschwindigkeit | 12,76km/h | 12,54km/h |
| Ø Puls | 143 | 144 |
| Maximaler Puls | 177 | 172 |
| Zeit im Schwellenbereich und darüber | 2:05h (38%) | 1:46h (31%) |
| davon ganz oben, über 163 | 36 Minuten | 11 Minuten |
| Zeit im Sweet Spot | 1:20h | 2:00h |
| Startzeit | 10:03 Uhr | 08:48 Uhr |
Der wichtigste Wert steht in der dritten Zeile. Mit 9 Kilo mehr am Rad brauche ich für die Auffahrt 2 Minuten und 47 Sekunden länger. Bei fünfeinhalb Stunden sind das 0,8 Prozent. Ich hatte mit deutlich mehr gerechnet.
Dafür sieht der Rest ganz anders aus. Im roten Puls-Bereich stand ich mit dem Gravelbike 36 Minuten, mit dem Frankenstein 11. Das sind 25 Minuten weniger am Anschlag. Die Zeit ist nicht verschwunden, sie ist in den Sweet Spot gewandert, da hat der Frankenstein 40 Minuten mehr. Und der Maximalpuls liegt 5 Schläge niedriger. Der Frankenstein ist hier eineinhalb Minuten langsamer und liegt dabei 8 Schläge tiefer im Puls. Das liegt aber auch daran, dass ich beim zweiten Mal mehr mit Brombeeressen beschäftigt war und öfter angehalten habe.
Übersetzt heißt das: gleiche Zeit, deutlich weniger Belastung.
Das Steilstück
Am klarsten wird es auf den letzten 2,9 Kilometern zum Gipfel. Da liegt die Steigung im Schnitt bei 7 Prozent, mit steileren Rampen dazwischen.
| Letzte 2,9km zum Gipfel | Gravelix | Frankenstein |
|---|---|---|
| Fahrzeit | 21:37 min | 23:11 min |
| Ø Geschwindigkeit | 8,0km/h | 7,5km/h |
| Ø Puls | 159 | 151 |
| Anteil über der Schwelle | 84% | 62% |
Was aber der größte Unterschied war, passierte gar nicht hier oben, sondern weiter unten zwischen Unhais und den Ruinen: Mit dem Gravelbike bin ich dort an den steilsten Stellen nur noch im Slalom hochgekommen, weil der erste Gang zu lang war. Mit dem Frankenstein brauche ich den ersten Gang an denselben Stellen nicht einmal. Ich fahre die Rampen in den Gängen 2 bis 4 hoch, geradeaus, mit einer Trittfrequenz, die sich halten lässt. Und das ist der Unterschied, der für mich wirklich zählt und sich am Ende des Tages auch darin widerspiegelt ob man total fertig ist, oder ob es einfach nur ein schöner Tag war. Ok - nach über 2000hm bin ich fertig – egal mit welchem Bike.
Und der Rückweg?
Am zweiten Tag dreht sich das Bild komplett um. Auf abfahrtslastiger Strecke schlägt die Masse ins Positive um: Der Frankenstein ist 4:15 schneller als das Gravelbike, bei 3 Schlägen niedrigerem Puls. 22,08 gegen 21,11km/h im Schnitt. Aber dazu muss ich auch zwei Punkte erklären: Runter habe ich mich mit Frankenstein deutlich sicherer gefühlt, und konnte so schnellere Kurvengeschwindigkeiten fahren. Und bin auch deutlich fitter gewesen, die zweite Rückfahrt war ein netter Spaziergang im Vergleich zum ersten Mal.
Was ich auch noch dazusagen muss: Zwischen den beiden Fahrten liegt auch ein Monat Training mit einer 500km Rundreise durch Portugal.
Das Wetter fällt als Erklärung dagegen aus. Im Tal war der Julitag mit 38°C zwei Grad wärmer, am Berg war es umgekehrt: Im Juli war es leicht bewölkt und kühler, im August hatte ich volle Sonne. Wenn überhaupt, lagen die schlechteren Bedingungen am entscheidenden Teil der Strecke beim Frankenstein.
August | Mit dem Frankenstein auf den Torre
Jetzt kommt der zweite Teil, was mich erwartet, weiß ich schon – ob es nun zum Vor- oder Nachteil ist, kann ich nicht sagen. Der Berg ist einfach ewig lang. Aber ich will es trotzdem wissen.
Tag 1: Diesmal früher
Nach der Julihitze starte ich diesmal um Viertel vor neun. Das ist gut eine Stunde früher, und es macht den ganzen Unterschied in der Cova da Beira.

Gleiche Leitplanke, gleicher Blick, anderes Rad. Der Frankenstein sieht mit Taschen und Zelt aus wie ein Lastesel, und genau das ist er auch.

Erster Supermarkt des Tages, hier gibt es Frühstück. Und gleich noch ein Stück Pizza für später, aus dem gleichen Grund wie im Juli: Sie lässt sich kalt essen und macht satt.
Das Beste an dem Bild ist der Hintergrund. Hinten sieht man schon das Tagesziel, die Serra da Estrela, und da oben liegt der Torre. Von hier aus sind das nur noch rund 1.500 Höhenmeter.

Ab hier bin ich im Naturpark.
In Unhais da Serra hole ich mir einen Hamburger als Mittagessen und fahre weiter. Der Unterschied zum Juli könnte deutlicher nicht sein. Damals bin ich hier erschöpft angekommen und zweimal in den Bach gestiegen, diesmal ist es einfach nur der Ort, an dem es Mittagessen gibt.

30 Kilo, fahrfertig mit Wasser. Vorne der Ortlieb-Lowrider, an dem auf längeren Touren die Vordertaschen hängen. Für zwei Tage bleibt er leer. Hinten die kleinen Taschen, die normal vorn hängen, dazu das Zelt längs auf dem Gepäckträger. Man sieht dem Rad an, wofür es gebaut ist. Und man spürt es auch in jeder Steigung.

Anfang August sind die Brombeeren so weit. Das ist einer der Vorteile, wenn man dieselbe Strecke einen Monat später fährt.
Der Berg, zum zweiten Mal

Dieselbe Stelle wie im Juli, nur einen Monat trockener. Das Gras ist weg, die Farbe raus.

Zwischen Unhais da Serra und der großen Straße, die oben zum Torre führt, gibt es genau zwei Stellen mit Wasser. Zwei. Nicht "alle paar Kilometer eine Quelle", wie man es in dieser Landschaft vermuten würde. Wer das falsch einschätzt, steht mit leeren Flaschen mitten im Anstieg, und das bei 30°C aufwärts und ohne Schatten.
Beim zweiten Mal habe ich beide angesteuert. Kopf drunter, Flaschen voll, weiter. Das ist an dieser Auffahrt die ultimative Abkühlung, und es gibt sie eben nur zweimal.

Auf 1.295m stehen wieder die verlassenen Häuser. Bei voller Sonne sieht die Ecke nicht mehr so verlassen aus wie im Abendlicht im Juli.

Und derselbe Talblick von 1.658m, diesmal ohne eine einzige Wolke.
Ab hier kommt die Stelle, an der ich im Juli Schlangenlinien gefahren bin. Ich merke sie fast nicht. Ich schalte vom vierten in den zweiten Gang, bleibe sitzen, und fahre geradeaus hoch. Der erste Gang bleibt an dem Tag ungenutzt. Das ist der Moment, in dem sich der ganze Aufwand mit der Rohloff erledigt hat.

Kurz darunter kommt der in den Fels gesprengte Tunnel. Die letzten Kilometer sind nicht nur die anstrengendsten, sondern auch die schönsten der gesamten Tour. Die Felslandschaft kann man auf dem Rad perfekt genießen. Viel besser als im Auto.

Auf 1.733m reicht der Blick über die halbe Hochebene.

Von hier oben sieht man den Lago do Viriato. Ein Stausee auf gut 1.550m, mitten im Granit.

Oben, fünf vor Ladenschluss
Auf den letzten Kilometern bekomme ich dann doch noch Druck, und zwar aus einer Richtung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Die Läden am Gipfel schließen um 19 Uhr. Die verkaufen neben dem üblichen Touriramsch auch Käse und Schinken aus der Region, und ich freue mich schon so auf was Kaltes zu trinken.
Also trete ich am Schluss richtig, um es noch zu schaffen.

Um fünf vor sieben stehe ich am Obelisken. Gut anderthalb Stunden früher als im Juli, und diesmal bei vollem Licht.
Ich hole mir drei Dosen kalte Limo und ein belegtes Käse-Schinken-Brötchen. Das wartet da offensichtlich schon den ganzen Tag auf mich, entsprechend zäh ist es auch. Dazu das Stück Pizza vom Vormittag, das ich seit dem Supermarkt mit hochgeschleppt habe. Also nicht viel jünger. Zwei Touren, zweimal Pizza am Gipfel, das wird langsam Tradition. Aber ob ich wirklich nochmal mit dem Fahrrad hier hochkomme?
Auch an diesem Abend ist es oben ruhig und windstill. Ein paar Autos, zwei Wohnmobile, sonst nichts. Zweimal hintereinander so ein Wetter am Torre ist Glück, nicht Normalzustand.
Das Gefühl oben ist ein anderes als im Juli. Damals bin ich kaputt angekommen und war froh, dass es vorbei war. Dieses Mal hätte ich noch weiterfahren können. Ich überlege tatsächlich, heute noch zurückzufahren, ich wäre vor 22 Uhr zu Hause.

Zum Schlafen fahre ich an dieselbe Stelle wie im Juli zurück. War ja schön da.

Wieder hinter ein paar Felsen in Straßennähe, diesmal das Innenzelt aufgebaut, damit ich nachts Ruhe habe.. Auch diese Nacht ist herrlich ruhig, morgens weckt mich wieder die Sonne. Mit 18°C ist es zwei Grad kühler als im Juli und immer noch angenehm.
Tag 2: Runter
Der Rückweg beginnt bei 19°C, drei Grad kühler als im Juli. Bergab merkt man das Gewicht sofort, allerdings positiv. Der Frankenstein liegt satt auf der Straße, wo das Gravelbike bei jeder Bodenwelle nervös wird. Unbeladen liegt das Gravel viel besser auf der Straße. Und mit 55mm Reifen sind die Schlaglöcher kein Thema mehr.
Zu Hause bin ich vier Minuten schneller als mit dem leichten Rad. Bei niedrigerem Puls.
Tourdaten August, Frankenstein
Tag 1
Strecke: 70,2km bereinigt
Höhenmeter: 2.146
Fahrzeit: 5:36h
Ø Geschwindigkeit: 12,54km/h
Ø Puls: 144, maximal 172
Wetter: 25°C beim Start, im Tal bis 36°C, am Berg volle Sonne
Tag 2
Strecke: 48,7km
Fahrzeit: 2:12h
Ø Geschwindigkeit: 22,08km/h
Ø Puls: 117
Wetter: 19°C beim Start
Fazit
Ich bin mit einer klaren Erwartung in den Vergleich gegangen und habe sie zur Hälfte bestätigt bekommen.
Bestätigt hat sich, dass die kurze Übersetzung am Berg der entscheidende Faktor ist. 25 Minuten weniger am Anschlag, 8 Schläge weniger am Steilstück, und keine Schlangenlinien mehr. Das ist kein Komfortgewinn, das ist der Unterschied zwischen "ich komme da hoch" und "ich komme da hoch und kann danach weiterfahren".
Nicht bestätigt hat sich meine Angst vor dem Gewicht. Ich habe mit einer deutlichen Zeitstrafe für 9 Kilo gerechnet. Es waren 2:47 auf fünfeinhalb Stunden. Bergab hat das Gewicht die Zeit sogar wieder eingespielt und noch etwas obendrauf gelegt.
Und damit ist auch die Frage beantwortet, wegen der ich den Gravelix überhaupt gekauft habe. Es liegt nicht am Fahrer. Es liegt aber auch nicht am Gewicht. Es liegt an der Übersetzung, und dazu am Sattel.
Ehrlich gesagt stehe ich nach dieser Tour davor, den Gravelix wieder zu verkaufen. Das ist kein schlechtes Urteil über das Rad, es ist ein sehr gutes Rad für das, wofür es gebaut wurde. Es ist nur nicht das, was ich hier vor der Haustür brauche. Als Test war der Kauf trotzdem jeden Euro wert, denn ohne ihn hätte ich weiter geraten statt gemessen.
Schön, dass du mit dabei warst. Der Sommer ist noch nicht vorbei - ich hoffe, dieses Jahr noch mindestens eine längere Tour machen zu können.
1 Kommentar
Schreib einen Kommentar
Wow, herzlichen Glückwunsch!
Noch wissenschaftlich fundierter geht’s wohl nicht!
Ich finde diesen Vergleich den absoluten Hammer.
Fahre selbst einen noch etwas schwereren “Frankenstein” mit 1xRohloff 42×18, Entfaltung im 1. Gang von 1,57m. Bin mir nun nach deiner Testreihe echt am überlegen ob ich deine Idee übernehme und auch auf 2x Rohloff aufrüste.
Es ist immer wieder der Knaller wie objektiv wissenschaftlich du sowas ermittelst.
Danke!
Philipp