Frankenstein – mein Alltagsgravelreisemountainbike
Aus meinem Genesis Longitude ist über zwei Jahre etwas geworden, das so kein Hersteller baut: MTB-Stahlrahmen, 55mm Gravelreifen auf 28", Rohloff-Nabe mit Zweifach-Kurbel davor, Flatbar mit Aerobar, Gepäckträger vorn und hinten. Ein Mix aus allem, was der Markt hergibt - darum heißt das Rad inzwischen Frankenstein. Wie aus dem behäbigen Reiserad ein Rad wurde, mit dem ich auch mal eben 85 Kilometer mit 23km/h Schnitt fahre, erzähle ich dir hier.

Angefangen hat es 2024 mit dem Genesis Longitude
Ein Jahr Fahrradfahren mit über 3000 Kilometern liegt hinter mir und ich habe schon zwei Fahrräder im Stall. Neben dem Giant E-MTB Fully gibt es das neu umgebaute Trekkingfahrrad mit Elektroantrieb und Rohloff-Nabenschaltung. Beide Fahrräder sind auf ihre Art super, aber das eine ist nicht zum Reisen und das andere nicht für Portugal zu gebrauchen.
Die Abhängigkeit von Technik und Strom ist ein weiterer wichtiger Punkt auf Radreisen. Steckdosen oder gutes Wetter zur Bedingung zu machen, macht das Radreisen in den Regionen, in denen ich unterwegs bin, zu einem besonderen Abenteuer.
Also, was tun? Richtig, ein neues Fahrrad muss her. Warum es genau das Genesis Longitude geworden ist, erzähle ich dir in diesem Artikel.
Ein paar Feststellungen vorneweg

- Die guten Erfahrungen mit extra breiten Reifen auf dem Mountainbike, also Reifen über 2,6" Breite, geben mir immer wieder Stoff zum Nachdenken. Es würde mir ganz andere Wege auf einer Reise ermöglichen.
- Meine Kraft und Kondition haben sich stark verbessert. 20-30 Kilometer Tagestouren fahre ich inzwischen meist ohne Motor. Da fragt man sich natürlich: Komme ich mit einem "normalen" Fahrrad auf Reisen nicht genauso weit, oder sogar weiter, wenn ich das Gewicht von Motor, Akku und Ladetechnik einsparen kann?
- Inzwischen habe ich auch Erfahrung mit Ketten- und Nabenschaltungen. Die Kettenschaltung ist wegen des tief hängenden Schaltwerks deutlich anfälliger, lässt sich aber schöner schalten. Die bockige Drehgriffschaltung von Rohloff konnte mich bisher nicht wirklich überzeugen und die gefühlt schwer laufenden ersten sieben Gänge auch nicht.
- Bei einem E-Bike fährt auch immer die Angst vor einem Systemausfall mit. Was passiert, wenn die Technik streikt?
- Das Alu-Trekkingrad erfüllt weder die Erwartungen in Stabilität noch in Geländetauglichkeit. Der Bafang E-Motor ist genauso viel wert, wie er kostet. Das Gesamtpaket passt zwar, aber leider nicht zu meinem Vorhaben.
Also genug Punkte, um das Thema Radreisen neu zu planen. Auf meinen Streifzügen durch das Internet stoße ich immer wieder auf Radreisende, die begeistert von breiten Reifen erzählen. Peyman aus Finnland (https://nomadstrails.com) oder der Australier Alee Denham (https://www.cyclingabout.com/), der mit über 130.000 Kilometer Fahrraderfahrung sehr viele fundierte YouTube-Technikvideos veröffentlicht hat, sprechen eine klare Sprache zum Thema Reifenbreite. Ich sehe das auch so, schon bei meinem LKW galt die Regel: Reifen können nicht breit genug sein, wenn man auf weichen Böden unterwegs ist.
Suche ich im Internet jedoch nach einem "Reiserad", finde ich fast ausschließlich die üblichen bekannten Fahrräder, die mit 20 Kilo bleischwer und in meinen Augen unbezahlbar sind. Oder anders gesagt: Für meinen Einsatz, ein paar Wochen im Jahr mit dem Rad in Südeuropa unterwegs zu sein, zahle ich ungern so viel Geld.
Adventure & Touring Bikes

Irgendwann finde ich heraus, dass mein Traumfahrrad wohl in Fachkreisen Adventure Bike genannt wird. Ein Mountainbike mit Touring-Eigenschaften, also breiten Reifen und vielen Schraubpunkten für Anbauteile. Und schon finde ich alle die Räder, die genau für meinen Einsatz gebaut sind - warum nicht gleich so?
Zuerst bleibe ich beim Hersteller Surly hängen, konnte mich dann aber mangels aussagekräftiger Beschreibung doch nicht ganz überzeugen. Danach komme ich zur Marke Genesis, die mit dem Longitude ein reinrassiges Adventurebike bauen. Es hat eine gute Geometrie, einen stabilen Stahlrahmen, 72mm breite Reifen und eine solide Shimano-Deore-Gruppe. Zeitgemäß: natürlich ab Werk mit Felgen und Reifen in "tubeless ready". Man kann sie also ohne Schlauch fahren.
Das Wichtigste für ein Offroad-Reisefahrrad ohne Motor ist die Schaltung. Sie muss das Erklimmen steiler Berge ermöglichen und trotzdem sollte man auf der ebenen Straße noch gut vorankommen. Das Verhältnis zwischen dem kleinsten und größten Gang beschreibt die Spreizung und wird in Prozent angegeben. Je mehr Spreizung, desto besser. Das Longitude kommt schon ab Werk mit einer Spreizung ähnlich der Rohloff-Nabenschaltung daher. Den meisten reicht das schon. Aber da geht noch deutlich mehr, wenn man ein paar Zahnräder austauscht. Dazu später mehr, jetzt erst einmal die Unterschiede von Ketten- und Getriebeschaltungen.
Rohloff, Pinion-Getriebe oder Kettenschaltung?

Egal welche Schaltung es auch wird, ich benötige eine große Spreizung zwischen dem kleinsten Gang an Bergen und dem größten Gang auf der Straße. Zu viel gibt es nicht!
Das Spielkind in mir wollte gerne eine Getriebeschaltung und am liebsten auch einen Riementrieb, der ohne ein tief hängendes Schaltwerk auskommt. Die Getriebeschaltungen sind bis auf einen gelegentlichen Ölwechsel wartungsfrei und geschützt vor äußeren Einflüssen wie Ästen, Dreck und Wasser.
Die Rohloff Speedhub 14 bietet 526% Spreizung und das 18-Gang-Pinion-Getriebe macht sogar 636%. Noch mehr geht nur mit der Kettenschaltung. Die 526% von Rohloff sind mir zu wenig, da ich gern auch ohne Gepäck auf der Ebene mehr als 30km/h fahren möchte. Das Pinion-Getriebe wäre mir von den Daten am liebsten. Ich konnte es leider noch nie zur Probe fahren. Ich habe aber viel gelesen und recherchiert, und wenn man über die Reviews mit gesponserten Fahrrädern hinaus sucht, findet man auch die Berichte, die beschreiben, dass auch das Pinion-Getriebe nicht so leicht läuft wie eine Kettenschaltung. Und auch ein Riemen frisst Leistung, und Ausfälle gibt es auch. Bei der Rohloff-Nabe habe ich deutlich gespürt, wie die ersten sieben Gänge schwerer laufen.
Ich weiß nicht, wie sich die Drehgriffschaltung beim Pinion-Getriebe anfühlt. Aber die Drehgriffschaltung von Rohloff konnte mich bisher, trotz optimal verlegter Züge und neuem Drehgriff, nicht so recht überzeugen.
Seit ich mit gewachsten Ketten fahre, ist mir der Riemen nicht mehr ganz so wichtig. An gewachsten Ketten bleibt kein Dreck hängen. Betrachtet man den Anschaffungspreis einer Kettenschaltung gegenüber den Nabenschaltungen, könnte man einen Kompromiss in Erwägung ziehen. Vor allem dann, wenn mein Plan funktioniert und ich einer 2x10-fach-Kettenschaltung 655% Spreizung entlocken könnte.
Noch ein Vorteil der Kettenschaltung ist die Ersatzteilversorgung und das flüssigere Schalten beim Fahren.
Ich fasse zusammen:
Pro Kette:
- größte Spreizung
- geringster Widerstand
- Schaltgefühl
- Preis
Pro Getriebe mit Riemen:
- wartungsfreundlich
- nahezu verschleißfrei
- kein Schaltwerk, daher ein Teil weniger, das ausfallen kann
Pro Getriebe hinten mit Kette:
- kann man da nicht vorn mit zwei Kettenblättern fahren?
Mein Adventure-Bike

Am Ende haben der Preis und die Verfügbarkeit den Kauf beeinflusst. Für ein Fahrrad von Velotraum hätte ich nach Deutschland müssen. Die Fertigungszeiten sind hoch und der Preis ist schnell über 4000€.

Für einen Bruchteil des Preises bekommt man mit 14 Tagen Lieferzeit ein Fahrrad der Marke Genesis aus England. Das Longitude ist ein für Bikepacking optimiertes Adventure Bike. Der stabile Stahlrahmen mit steifen 27,5-Zoll-Felgen und 2,8" breiten Reifen macht dieses Fahrrad zum perfekten Reiserad für mich. Solide Komponenten in Form der Deore-2x10-Schaltung bringen ein Bike, das aus der Box den meisten Anforderungen gewachsen ist und nur noch wenige Optimierungen benötigt.

Ich konnte es trotzdem nicht lassen, Stück für Stück alles durchzuoptimieren. Von der Schaltung über Lenker, Sattel, Vorbau und Sattelstütze bis zur sofortigen Umrüstung auf "tubeless" war alles dabei. Wegen der Reifenbreite gab es später noch ein Upgrade auf Schwalbe Allround 27,5x2,8 Reifen, die deutlich breiter sind als die WTB-Reifen und noch leichter rollen. Leider sind die Schwalbe-Reifen nicht rund und eiern auf der Felge.
Als Alternative habe ich den Continental Cross King ProTection in 2,8er-Breite gefunden. Die Continental-Reifen finde ich nicht schlecht, da sie dank der Black-Chilli-Mischung besonders leicht rollen und langlebig sein sollen. Letzteres muss sich jetzt beweisen. Die Stollen geben auf Sand und Schotter jedoch sofort ein spürbar sicheres Fahrgefühl.
Warum Tubeless?
Auf der Internetseite https://www.bicyclerollingresistance.com/ kann man den Rollwiderstand sämtlicher Fahrradreifen nachlesen. Es wurden verschiedene Luftdrücke, mit und ohne Schlauch, gemessen. Der schlauchlose Reifen rollt vor allem bei geringen Drücken bis zu 20% leichter als der mit Schlauch.

In der Praxis heißt das, ich kann dauerhaft mit weniger Luftdruck ohne Nachteile im Rollwiderstand fahren. Einstiche durch Dornen werden von der Milch im Reifen sofort abgedichtet, größere Löcher können einfach von außen mit einer Art Docht wie beim Autoreifen geflickt werden. Man muss also kein Rad ausbauen, Reifen abmontieren und Schlauch flicken. Warum fährt man heute noch mit Schlauch?
Die Flexibilität, welche mir die breiten Reifen bieten, liebe ich. Auf der Radreise fahre ich das voll bepackte Fahrrad mit 2 Bar in den Reifen. Geht es ins Gelände, lasse ich vorn die Luft auf 1,1 bis 0,9 Bar ab - je nach Untergrund. Das bringt Sicherheit und Komfort auf jedem Weg.
Die Kettenschaltung

Ohne die geht nichts beim Fahrrad und bei mir schon gar nicht. Noch vor der ersten Ausfahrt mit dem neuen Fahrrad habe ich die hintere 11-42 Kassette gegen eine 11-48 ausgetauscht. Schon ist die Spreizung auf 604% aufgeblasen. Gegen alle Meinungen im Internet und bei Shimano selbst packt das mittellange GS-Schaltwerk diese Kassette ohne Umbau. Später habe ich vorn an der Kurbel das kleine 26er-Kettenblatt gegen eines mit 24 Zähnen ersetzt, was jetzt eine Gesamtspreizung von 655% ergibt. Im Alltag heißt das, ich kann einen Geschwindigkeitsbereich von 3,5 bis 40km/h abdecken. Also noch besser als das Pinion-18-Gang-Getriebe, für einen Bruchteil des Geldes.
Zur Sicherheit, falls einmal ein Ast das Schaltwerk beschädigt, habe ich es gegen ein etwas besseres SLX RD-M7000 ausgetauscht und das originale Deore ins Ersatzteillager gelegt.
Da die originale Kette durch die andere Kassette etwas zu kurz geworden ist, habe ich eine neue 10-fach-Kette (122 Glieder) gekauft, diese sauber entfettet und dann im Graphen-Heißwachsbad gebadet. Das ist zwar am Anfang mehr Arbeit, dafür hat man aber über die Lebenszeit immer eine saubere Kette. Die ersten 1200 Kilometer hat die Kette schon überstanden.
Update nach 1700km
Nach zwei kleinen Radreisen durch Spanien und Portugal ist mir das Longitude wirklich ans Herz gewachsen. Es erfüllt seinen Zweck und die Kombination aus guter Übersetzung und breiten Reifen, die auch mit wenig Luft gut rollen, ist absolut genial. Nie mehr möchte ich mit schmaleren Reifen fahren.
Einziger Wermutstropfen bleibt die Kettenschaltung. Die 655% sind genial, jedoch lässt sie sich nicht optimal einstellen. Da man laut Shimano eine solche Ritzel- und Kettenblatt-Paarung eigentlich nicht fahren kann, liegt die Schuld eindeutig bei mir. Ständig springt die Kette nicht auf den 10. Gang, also das kleinste Ritzel. Auf den Radreisen hat das jedoch nie gestört. Es fehlten nur nach oben 5km/h.
Fährt man offroad, trifft man vor dem Sommer oft auf Pfützen und das tief hängende Schaltwerk badet jedes Mal die Kette in der Schlammbrühe. Selbst eine gewachste Kette wird davon nicht besser.

Umrüstung auf 2 x 14 Gang Rohloff Speedhub 500
Es musste so kommen. Wenn ich schon solche Gedanken habe, dauert es nicht mehr lange bis zur Umsetzung. Zumal mich die technische Umsetzung sehr reizt. Mir ist nämlich die Idee gekommen, die vordere Zweifach-Kettenschaltung zu behalten und hinten ein neues Hinterrad mit der Nabenschaltung von Rohloff einzubauen. Zum Glück hatte ich beim Kauf des Fahrrades darauf geachtet, dass man es einfach auf die Rohloff-Nabenschaltung umbauen kann.
Aus den Unterlagen von Rohloff geht hervor, dass der Rohloff-Kettenspanner eine Spannkapazität von 10 Gliedern hat. Normalerweise wird er bei gefederten Hinterbauten eingesetzt. 10 Glieder würde aber auch bedeuten, dass ich damit vorn zwei Kettenblätter mit zum Beispiel 26/36 schalten könnte.

Ich war nicht ganz sicher, ob es funktioniert, aber ich muss es probieren. Wenn es nicht geht, kann ich immer noch auf ein einzelnes Kettenblatt umbauen. Aber es funktioniert einwandfrei und der Kettenspanner kann sogar locker 12 Zähne und mehr.

So konnte ich sogar auf die Kettenblattkombination 24/38 vorn wechseln - das geht mit dem Deore-Umwerfer gerade noch. Die Kombination von 24 vorn und dem 16er Ritzel hinten ist von Rohloff nicht freigegeben. Zu hoch sei das Eingangsdrehmoment. Ich habe nachgerechnet und bleibe mit meinem Gewicht von 63 Kilo noch deutlich unter dem Maximalwert von 130Nm. Also fahre ich so, aber auf eigene Verantwortung! Wer dies also nachbauen möchte, verliert sehr wahrscheinlich die Garantie.

Was mir sehr gut gefällt, ist der winzige Kettenspanner hinten. Die Kette ist damit viel weiter vom Boden entfernt und hängt jetzt nicht mehr in jeder Pfütze im Schlamm. Da sich die Kettenlinie nur noch um die zwei Kettenblätter vorn verändert, bleibt die Kette deutlich weiter vom Reifen entfernt. Vorher streifte die Kette im ersten Gang fast am Reifen.
Erster Eindruck nach 1000km mit der Rohloff Speedhub
Anfänglich war das Schaltgefühl schon sehr befremdlich. Das Knacken beim Schalten und die hohen Kräfte beim Drehen des Griffs sind gewöhnungsbedürftig. Ich habe mir aber gesagt, da musst du jetzt durch, eine andere Lösung habe ich nicht. Jetzt, nach 2500km, ist es gefühlt deutlich besser geworden, die Schaltung geht leicht und sehr smooth.

Wenn ich mit dem voll beladenen Reiserad auf solche Geländeabschnitte wie im Bild treffe, freue ich mich einfach über die Rohloffschaltung. Denn ich kann hier so schnell viele Gänge durchschalten, was mit der Kettenschaltung nicht möglich wäre.
- Ganz klar, die Spreizung von 833% an sich ist schon pervers und unendlich geil! Von 3,5-45km/h ist alles abgedeckt. Das kleine Kettenblatt vorn bringt volle 4,5 Gänge am Berg. Wo also der normale Rohloff-Fahrer bei 70 Pedalumdrehungen 6km/h im ersten Gang verendet, schalte ich noch 4-mal zurück und erklimme so selbst die steilsten Berge. Braucht man das? Ich schon!
- Schalten in jeder Situation! Ich hatte Situationen, wo ich vom größten Gang und 50km/h auf den kleinsten binnen weniger Meter schalten musste. So steil war die Rampe. In Sekundenbruchteilen reißt man einfach 3-4 Gänge durch und hat wieder die passende Drehzahl am Pedal. Oder ungeplantes Anhalten in einem großen Gang. Passiert mir öfter mal. Dann im Stand auf einen Anfahrgang zurückschalten können, ist schon praktisch.
- Normales Hochschalten während des Tretens geht natürlich problemlos, wenn man es raus hat, wann genau am Griff zu drehen ist. Aber das geht natürlich auch mit der Kette, nur waren hier die Schaltsprünge unangenehm groß.
- Was mich stört, sind natürlich die Laufgeräusche, und die bekommt man auch nicht weg. Ich kann sie etwas umgehen, indem ich an Bergen einfach früher auf das kleine Ritzel schalte und dann eher im 8.-11. Gang fahre, statt im 4.-7. Gang, wo die Geräusche höher und der Wirkungsgrad schlechter sind.
Der Umbau auf die Rohloff-Nabe hat sich auf jeden Fall gelohnt, und wenn ich am Anfang schon das gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich einen Rahmen gekauft und mir mein Rad selbst zusammengebaut. Aber nur so lernt man, auch wenn es nicht immer der billigste Weg ist.
Update 2026: aus dem Eisenschwein wird Frankenstein
Geschwindigkeit ist beim Reisen doch ein Thema
Lange habe ich mir eingeredet, dass Tempo auf einer Radreise keine Rolle spielt. Das stimmt genau so lange, bis man nachrechnet. Vier Stunden mit 12km/h Schnitt sind 48 Kilometer. Vier Stunden mit 18km/h sind 72. 24 Kilometer Unterschied, bei exakt derselben Fahrzeit. Das ist der Unterschied zwischen "ich suche noch einen Schlafplatz" und "ich bin da".
Dass ausgerechnet der Reifen der Schlüssel dazu ist, hätte ich nicht erwartet. Ich habe viel experimentiert, und irgendwann hatte ich den passenden gefunden.
Auf bicyclerollingresistance.com rollen die Schwalbe G-One R Pro für ihre Größe besonders leicht - und vor allem bleiben sie das auch bei wenig Luftdruck. Andere Reifen werden da schnell deutlich schlechter. Genau das ist für mich der entscheidende Punkt, denn ich fahre im Gelände bewusst mit wenig Druck.
Diese Reifen habe ich auf dem Gravelix ausgiebig getestet. Damit sie auch auf Frankenstein passen, musste ich die Laufräder auf 28" umbauen.

Vorne war das einfach, da habe ich gleich ein komplettes Laufrad bestellt, mit einer DT-Swiss-350-Nabe. Hinten ging das nicht, denn die Rohloff bleibt ja drin. Also habe ich die Nabe selbst in die neue Felge eingespeicht. Nach drei Stunden lief das Rad rund - für das erste selbst gebaute Laufrad bin ich damit sehr zufrieden.
Um etwas mehr auf der Adventurebike-Schiene zu bleiben, sind am Ende G-One RX Pro in 55-622 draufgekommen. Die haben etwas mehr Profil an den Schultern und geben auf sandigem Untergrund spürbar mehr Sicherheit.
Dieser Umbau ist ein wahrer Gamechanger! Aus dem trägen Eisenschwein ist ein flinkes Gravel-MTB geworden. Eine 85-Kilometer-Sonntagsrunde mit 23km/h Schnitt - sowas war mit diesem Fahrrad früher undenkbar.
Vom 16er auf das 14er Ritzel
Mit der Fitness kommt der Wunsch nach mehr Geschwindigkeit. Die ganz kleinen, kurzen Gänge brauche ich nur noch selten, dafür fehlt oben etwas. Also ist aus dem 16er Ritzel hinten ein 14er geworden. Bei einer Trittfrequenz von 90 sind jetzt 51km/h drin. Das macht schon Spaß.

An der Spreizung ändert das übrigens nichts, die bleibt bei 833%. Der ganze Bereich rutscht nur nach oben. Der Klettergang wird dadurch minimal länger, davon merke ich am Berg aber nichts.
Das Zubehör am Frankenstein
Auf dem Longitude fühlte ich mich schon ab dem ersten Kilometer extrem wohl. Die Nabenschaltung hat dem Fahrrad noch den letzten Kick gegeben. Für entspanntes Reisen, wenn ich täglich 4-5 Stunden im Sattel sitze, ist ermüdungsfreies Fahren essenziell. Hat man sich einmal einen wunden Hintern oder Probleme in den Händen und Handgelenken eingefangen, gehen sie auf einer Tour kaum mehr weg - außer man macht eine mehrtägige Fahrpause. Sattel und Lenker sind extrem speziell, aber viele Langstreckenradler gehen doch in die gleiche Richtung. So kam auch ich zu folgendem Setup:
Lenker und Griffe
Beim Lenker habe ich den kompletten Katalog durchprobiert. SQlab-Lenker, den Jones H-Bar mit 45° abgewinkelten Griffen, Riserlenker, den Surly Terminal mit 34° Backsweep, dazu eine 5cm lange Gabelschaft-Verlängerung, damit alles schön hoch kommt. Und wo bin ich gelandet? Beim stinknormalen MTB-Flatbar. Ohne Verlängerung.

Dazu bewusst schmal. Breite Lenker geben im Gelände Kontrolle, aber auf zugewachsenen Wegen bleibt man damit in jeder Brombeerhecke hängen. Einmal ausgebremst und mit blutigen Unterarmen weitergefahren reicht, um seine Meinung zur Lenkerbreite zu ändern.
Neu dazugekommen ist ein Aerobar. Auf dem Auflieger liegen die Unterarme, die Hände sind komplett entlastet und man macht sich nebenbei schmaler im Wind. Auf Reisen ist mir das weniger wichtig. Im Alltag, wo Geschwindigkeit durchaus ein Thema ist, will ich ihn nicht mehr missen.

Die Klickfix-Halterung ist geblieben. Je nach Einsatzzweck hängt eine andere Tasche daran - die kleine für die Nachmittagsrunde, die große für die Reise. Ein Halter, drei Taschen.

Was sonst noch am Lenker hängt:
- SQlab Griffe 711, rechts in kurzer Ausführung für die Drehgriffschaltung. Haben sich als sehr gut erwiesen, da man die Hand an den Hörnchen in eine komplett andere Position bringen kann.
- Die Fahrradklingel von Rockbros ist Pflicht und nützlich zugleich. Sie hat einen wunderschönen hohen Klang und ist komplett aus Metall.
- Ein Handyhalter darf schon wegen der Navigation nicht fehlen. Die Quad-Lock-Halter erfüllen ihren Zweck, ich würde sie wahrscheinlich wieder kaufen, da sie auch im Auto und zu Hause passende Halter anbieten und das induktive Laden bei Apple unterstützen.
- Die Klickfix-Halterung für die Lenkertasche. Ich habe noch ein 7W-Solarmodul draufgeklebt, damit ich das Handy während der Fahrt nachladen kann.
- Es folgt die kleine, runde Futtertasche. Hier kann ich kurz eine Trinkflasche abstellen, aber meist befindet sich darin Kleinkram oder Leckereien für unterwegs.
- Ein Spiegel muss sein, wenn man auf der Straße überleben möchte. Hier habe ich ewig gesucht und bisher nicht die ultimative Lösung gefunden. Busch & Müller Spiegel sind ihr Geld nicht wert und die Chinaspiegel wie dieser am Lenkerende werden schnell blind. Er behindert auch leicht den Griff in die Hörnchen.
Eine gute Ergonomie beim Fahren ist wichtig. Je nach Lenker- und Griff-Kombination sind mir immer wieder Finger eingeschlafen. Einmal hatte ich auf einer Tour sogar schmerzende Unterarme. Manchmal reicht jedoch schon das Verstellen des Lenkers oder Griffs um ein paar Grad und die Probleme sind weg - oder beginnen erst richtig. Aber hier muss jeder die für sich beste Sitzposition finden.

Wasserversorgung

Wenn man bei über 30°C mit dem Fahrrad unterwegs ist, freut man sich über jedes kühle Getränk. Auf meiner Tour durch den Alentejo bei 39°C im Schatten war das Wasser in PET-Flaschen schon nach kurzer Zeit über 40°C heiß. Darum habe ich inzwischen zwei isolierte Trinkflaschen von Super Sparrow dabei. Unten am Rahmen bleibt nach wie vor eine 2l PET-Flasche für Kochwasser, und für Übernachtungen ohne Wasser am Schlafplatz habe ich noch einen 10l Wassersack, der auf dem Gepäckträger seinen Platz findet.
Was sich am Gravelbike super bewährt hat und deshalb auch auf Frankenstein gewandert ist: die Rahmentasche. Darin steckt eine 3-Liter-Trinkblase mit Trinkschlauch.

So habe ich auf jeder Tour genug Wasser dabei, kann unterwegs bequem trinken, ohne anzuhalten, und habe im Rahmendreieck nebenbei viel Stauraum gewonnen - für Luftpumpe, Werkzeug und etlichen anderen Kleinkram.
Sitzen
Ein leidiges Thema ist der Sattel. Aber am Ende kann ich tatsächlich eine Empfehlung aussprechen. Leute, vergesst weiche Sättel! Das funktioniert meist nur auf kurzen Strecken. Ich hatte immer das Problem, dass nach 30km der Hintern zu schmerzen begann.

Nach gefühlt unendlich vielen Modellen, die alle mehr oder weniger lange gut waren, ist der Brooks geblieben. Er ist der einzige Sattel, auf dem ich auch ohne Radhose 50 Kilometer schmerzfrei sitze. Alles darüber fahre ich mit der SQlab-Radhose mit dem dünnen Polster. Diese Kombination bringt mich 100 Kilometer weit - komplett schmerzfrei.
Der Brooks muss allerdings eingefahren werden. Beschleunigen kann man es, wenn man ihn nach einer feuchten Nacht draußen trocken fährt. Oder in den Ofen legt und dick von unten einfettet. Auch das Lösen der Spannschraube um eine halbe Umdrehung kann helfen.
Fürs raue Gelände federt eine Sattelstütze von by.Schulz das Gröbste weg.
Pedale - mit oder ohne „Klick"?
Damit die Füße da bleiben, wo sie hingehören, und ich an kurzen Rampen auch mal mehr Kraft einbringen kann, fahre ich vom ersten Tag an mit einseitigen Klickpedalen PD-EH500 von Shimano. Im Sommer ist das mit den Shimano-Sandalen die perfekte Kombination, vor allem wenn man damit hin und wieder bei Furten durchs Wasser latschen muss.

Warum Klickpedale? Der Fuß ist da, wo er hingehört. Einmal richtig eingestellt, schont man die Gelenke und kann mehr Kraft ins Pedal bringen, wenn ein Fuß zusätzlich "hochziehen" kann. Damit man nicht in den Pedalen gefangen bleibt, habe ich die Vorspannung des Verschlusses am Pedal so schwach wie möglich eingestellt. Das funktioniert mit den EH-500 am besten, man kommt extrem leicht aus dem Pedal, trotzdem hält es den Schuh bei richtiger Stellung fest genug, um Kraft einleiten zu können. Weiter gefällt mir, dass die Klicks in der Grundstellung immer leicht nach unten hängen. Wenn man losfährt, trifft man also immer die flache Seite vom Pedal. So kann man auch problemlos mit jedem anderen Schuh fahren. Möchte man in den Verschluss einrasten, reicht es, eine halbe Umdrehung den Fuß zu heben. Durch die Trägheit des Lagers im Pedal ist der Verschluss dann oben und der Schuh kann einrasten. Absolut praktisch.
Im Sommer 2025 bin ich eine Tour mit Flipflops und flachen Pedalen gefahren, das war eigentlich auch ganz gut, aber bei Hike-and-Bike-Abschnitten im Gelände ist besseres Schuhwerk wie die Sandalen von Shimano schon vorteilhaft. Darum habe ich wieder auf Klickpedale umgebaut.
Weitere Zubehörteile sind:
- Einfacher Gepäckträger für breite Reifen hinten
- LowRider für vordere Packtaschen
- Kleiner Gepäckträger über dem Vorderrad
- Sigma Aurora 100 Beleuchtung
- Sigma BC12 Fahrrad-Tacho Wireless mit Kadenz
- Ortlieb 5l Lenkertasche für die Wertsachen
- ABUS 5755 L Rahmenschloss mit extra Kabel
- Alarmanlage
- Trinkflaschenhalter für große PET Flaschen
- Fresstasche am Lenker nimmt auf, was man gerade nicht halten kann. Besonders gut lassen sich hier Kirschen verstauen, die man dann nebenher naschen kann.
Die Alarmanlage reagiert auf Erschütterung am Rad, so kann ich in der Stadt auch mal kurz wegschauen. Das Rahmenschloss für breite Reifen ist perfekt, um kurz vor dem Bäcker das Rad abschließen zu können. Mit dem Seil, welches am Schloss eingehängt werden kann, ist das Fahrrad auch am nächsten Geländer sicher angebunden. Jedes teurere Schloss lässt sich aufbrechen, ist aber schwerer und nicht so einfach zu bedienen.
Klickfix und Ortlieb-Lenkertaschen haben den gleichen Halter. Auch Vaude-Lenkertaschen sind Klickfix-kompatibel. Hier hat man freie Auswahl. Ortlieb Ultimate 5l reicht mir, um die Wertsachen auch unterwegs schnell mitnehmen zu können.
Fazit nach zwei Jahren Frankenstein
Wenn ich mir das Rad heute ansehe, ist von der Serienausstattung nicht mehr viel übrig. Schaltung, Laufräder, Reifen, Lenker, Sattel, Stütze, Pedale - alles einmal durch. Genau das ist der Grund für den Namen.
Zwei Dinge haben am meisten gebracht, und beide hätte ich vorher so nicht auf dem Zettel gehabt:
- Die Übersetzung. 833% Spreizung heißen, dass ich weder am Berg absteigen noch in der Ebene leer treten muss.
- Der Reifen. Der Wechsel auf 28" mit einem schnell rollenden 55mm-Gravelreifen hat mehr Tempo gebracht als jede andere Einzelmaßnahme. Aus dem trägen Reiserad wurde ein Rad, mit dem ich auch mal spontan eine schnelle Runde drehe.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Mit diesem Rad komme ich an Orte und darf Probleme lösen, die ich sonst nicht gehabt hätte.
Schön, dass du mit dabei warst.
Hier geht´s zu meinen Touren mit Frankenstein
Begleite mich auf meiner ersten Tour von Portugal nach Spanien:
Begleite mich auf meiner zweiten Tour in Portugal über die Serra da Estrela an die Küste:
Frankenstein gegen das Gravelbike, zweimal dieselbe Rampe auf den höchsten Punkt Portugals:

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